Achtsamkeit auf Emotionen – Eine Meditationsanleitung

von Alfred Woll

Oft fällt es uns schwer, das zu sagen, was wir gerade fühlen. Starke Gefühle sind uns oft unangenehm und wir neigen dazu, sie zu verdrängen, indem wir uns ablenken und ihnen lieber aus dem Weg gehen. Bei der folgenden Übung bleiben wir jedoch für unsere emotionalen Regungen ganz offen. Wir werden uns bewusst, was wir fühlen, öffnen unser Herz und bleiben in Berührung mit dem, was ist.

Meditationsübung

Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit nach innen. Wie fühlen Sie sich gerade? Sind Sie zufrieden, traurig, enthusiastisch, verärgert oder ängstlich? Beobachten Sie Ihre emotionale Verfassung und geben Sie all Ihren Gefühlsregungen Raum und die Berechtigung, da zu sein. Schauen Sie genau hin, von welcher Art die Emotionen sind. Wenn Sie genau differenzieren, wie viele verschiedene Gefühlsregungen können Sie unterscheiden? Lassen Sie alle Gefühlsregungen zu, aber identifizieren Sie sich nicht damit. Erscheint eine Emotion so mächtig und bestimmend, dass Sie Angst bekommen, sich darin zu verlieren, treten Sie etwas zurück und beziehen die Position eines unbeteiligten Beobachters. Ganz gleich, was Sie fühlen, betrachten Sie es mit Gelassenheit. Wenn es sich um eine angenehme Emotion handelt, versuchen Sie, nicht daran festzuhalten; wenn sie schmerzhaft oder angsterregend ist, versuchen Sie nicht, davor wegzulaufen; passt sie nicht zu ihrem Selbstbild, versuchen Sie nicht, sie zu verleugnen. Akzeptieren Sie alle Emotionen oder Geisteszustände, die Sie wahrnehmen, als Aspekte Ihrer eigenen Persönlichkeit.

Mit Traurigkeit oder Depressionen umgehen: Wenn Sie feststellen, dass Sie gerade traurig sind, enttäuscht oder deprimiert, dann erlauben Sie diesen Gefühlen, da zu sein. Schauen Sie sich diese Emotionen an. Bleiben Sie offen dafür und lassen Sie sie ganz dicht an sich herankommen, damit Sie sie in ihrer ganzen Intensität erfühlen und erfassen können. Seien Sie aber auf der Hut, dass Sie sich nicht als Opfer sehen oder in Selbstmitleid verfallen. Identifizieren Sie sich nicht mit den vordergründigen Gefühlen der Traurigkeit oder Depression, sondern bleiben Sie in der Position des Beobachters, das heißt, bleiben Sie mit dem Aspekt Ihres Geistes in Verbindung, der etwas mehr im Hintergrund steht und das Geschehen lediglich interessiert betrachtet. Welche Bilder und Assoziationen tauchen dabei in Ihrem Geist auf? Spüren Sie die Traurigkeit auch in Ihrem Körper? Wenn Sie die Tendenz haben, unangenehme Emotionen wegzuschieben oder zuzudecken, dann machen Sie sich bewusst, dass Traurigkeit, wie alle anderen emotionalen Geisteszustände, eben nur ein Geisteszustand ist, der mit zum Leben gehört. Was ist Schlimmes dabei, einmal traurig zu sein? Kämpfen Sie nicht dagegen an, lassen Sie ihren Widerwillen los, verurteilen Sie sich nicht und versuchen Sie, die Gegebenheiten anzunehmen. Wie alle anderen Emotionen wird sich auch die Traurigkeit mit der Zeit verändern und auflösen. Erinnern Sie sich, wie viele seelische Tiefen Sie schon durchlebt und überwunden haben. Genauso geht auch der momentane Zustand wieder vorbei. Akzeptieren Sie die Gegebenheiten und gewähren Sie Ihren Emotionen den Raum, um sich in ihrem eigenen Tempo aufzulösen. Wenn Sie jedoch nach einiger Zeit merken, dass Sie immer tiefer in den emotionalen Zustand absinken und dabei den Halt verlieren, ist es angebracht, aktive Schritte zu unternehmen, um wieder aufzutauchen. Wenden Sie dazu Ihre Aufmerksamkeit anderen Ereignissen zu. Vergegenwärtigen Sie sich Fakten und Ereignisse, die der Traurigkeit entgegenwirken und Ihr inneres Gleichgewicht wiederherstellen. Bleiben Sie sich dabei wohl bewusst, dass etwas Trauriges geschehen ist und Sie davon betroffen sind; entscheiden Sie sich jedoch dafür, sich nun wieder anderen Seiten und Ereignissen des Lebens zuzuwenden, die ebenso real und präsent sind.

Mit Angst umgehen: Taucht in Ihrer Meditation Angst auf, versuchen Sie, sich zuerst einmal zu entspannen, indem Sie ein paar Mal tief durchatmen. Versuchen Sie, ruhig zu bleiben. Identifizieren Sie sich nicht mit der Angst und beziehen Sie die Position des Beobachters. Nun schauen Sie sich Ihre Angst an. Bleiben Sie ihr zugewandt und offen für das, was Sie fühlen, ohne etwas zuzudecken oder davor wegzulaufen. Verliert die Angst nicht schon einen Teil ihres Schreckens, wenn Sie ihr so mutig entgegentreten? Erinnern Sie sich, Angst bezieht sich immer auf die Zukunft, auf ein scheinbar unerträgliches Ereignis, das auf Sie zuzukommen droht, von dem Sie aber nicht wissen, ob es auch wirklich eintritt. Angst betrifft zukünftige Möglichkeiten. Der gegenwärtige Moment lässt sich noch ertragen. Während Sie sich mit Ihrer Angst konfrontieren, können sie kleine Untersuchungen anstellen: Was spüren Sie dabei in Ihrem Körper? Welche Bilder und Assoziationen tauchen auf? Wie lange haben Sie diese Ängste schon? Wodurch wurden sie ausgelöst? Inwieweit sind Ihre Befürchtungen realistisch? Haben Sie sich durch solche Fragestellungen ein wenig mit ihrer Angst auseinandergesetzt, können Sie aktive Schritte einleiten, um die übertriebenen Aspekte Ihrer Befürchtungen ins rechte Licht zu setzen. Wird die Angst jedoch größer und droht, Sie zu überwältigen, anstatt sich aufzulösen, vergegenwärtigen Sie sich so lange Umstände und Fakten, die Ihnen Vertrauen und Sicherheit gewähren, bis Sie wieder auf festem Boden stehen. Behalten Sie aber den Mut, immer wieder ein kleines bisschen weiter in die Angst verursachende Situation hineinzugehen, und machen Sie die Erfahrung, dass Ihnen dabei nichts passiert. Auf diese Weise lernen Sie, Ihre Angst auszuhalten und sie Schritt für Schritt aufzulösen.

Zusammengestellt aus dem Buch „Das Licht des wahren Lernens“ von Alfred Woll.