Der einzig gangbare Weg für alle

S. H. der XIV. Dalai Lama

Im Allgemeinen wird das Ego, sobald es in Erscheinung tritt, als etwas Negatives interpretiert, das es zu eliminieren gilt. Ich halte dies für falsch.

Eine Erscheinungsform des Egos, das die Rechte anderer völlig vernachlässigt oder gar ignoriert, sich selbst für viel wichtiger hält als andere, nur den eigenen Vorteil im Auge hat und aus dieser Egozentriertheit heraus die Rechte anderer ohne Rücksicht mit Füßen tritt, ist eine absolut negative Form des Egos.

Positive Erscheinungsformen dagegen wären, wenn ich mir z.B. sagen würde: „Es ist nicht rechtens, wenn ich mir keine Mühe gebe“, eine Bestrebung, die mit Scham und Gewissen verwoben ist, freiwillig die Verantwortung für die notwendigen Mühen zu übernehmen, meine Egozentriertheit zu überwinden mit dem Vorsatz, „jawohl, das kann ich tun, und auf alle Fälle werde ich es tun“ zum Wohle der Anderen.

Diese untadelige Form des Egos setzt sich gegen das Unangemessene durch und ist in der Lage, Mutlosigkeit und Lethargie zu überwinden, um Großartiges zu vollbringen.

Diese letztere Form des Egos verbinden Bodhisattvas nicht nur wesentlich stärker als andere Menschen mit der festen Überzeugung, „ich kann das zum Wohle der anderen tun“! Sie sind auch noch in der Lage, ihre normale Willenskraft zu vervielfachen, um für andere ohne Unterlass zu Diensten zu sein, koste es Tage, Monate, Jahre oder gar Äonen. Ohne ein solch unerschütterliches Ego wäre diese unerlässliche Willenskraft nicht möglich. Diese Form des Egos ist produktiv, nützlich, sinnvoll und förderlich und muss weiter kultiviert werden. Die negative Form hingegen verletzt und missachtet die Rechte der anderen und ist somit dumm und schädlich. Sie bringt nicht nur Anderen, sondern auch uns selbst unermessliches Leid.

Auch die Liebe hat zwei Erscheinungsformen. Die eine, die angeborene, parteiische, die mit Anhaftung besetzte und von der Reaktion der Anderen abhängige, die z.B. nur die nahe Verwandtschaft einschließt, hat eine begrenzte Reichweite. Die zweite Form der Liebe hingegen ist begründet durch Weisheit, und sie ist somit grenzenlos. Diese Weisheit und das Mitgefühl, das aus der reinen Motivation des Helfenwollens entsteht, ändern sich auch dann nicht, wenn das Gegenüber etwas Unrechtes tut.

Wenn man sich an den Gedanken gewöhnt, eine alle Lebewesen umfassenden altruistischen Einstellung zu kultivieren, so entsteht allmählich ein Gefühl der Verantwortung gegenüber den anderen. Dieses Gefühl des Helfenwollens wird zur Bewältigung eventueller Probleme beitragen. Da dieser gute Vorsatz keine Alternative, sondern der einzig gangbare Weg für alle darstellt, sollten wir uns stets darum bemühen. Es kommt besonders in schwierigen Situationen darauf an, sie dann auch anzuwenden.

Auszug aus „Gyälwä Gongsel“, auf Deutsch „Die Essenz der Gedanken“, dem großen zweibändigen Werk, bestehend aus grundsätzlichen Erläuterungen und einem Lamrim-Kommentar auf der Basis der vielen Unterweisungen des Dalai Lama, zusammengestellt von Dagyab Rinpoche.

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